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Winfried Schäfer: Thailand hat unglaublich viel Potential

Abseits des Platzes - Interview Winfried Schafer

Winfried Schäfer in Extase
Bild: © Thananuwat Srirasant

Unserem ersten Interview mit Thailands Cheftrainer Winfried Schäfer im Juli 2011, folgt nun endlich ein weiteres. Schäfer, anno 2013 mit anderem Hintergrundwissen ausgestattet und nach dem bisher Erlebten, hat sicher eine Menge zu sagen. Über seine Elf und wie er über den Fußball in Thailand denkt.

Winfried Schäfer ist seit nunmehr 21 Monaten im Amt als Cheftrainer Thailands und hat eine durchaus bewegte Zeit hinter sich. Nach dem knappen Scheitern in der dritten Runde zur WM-Qualifikation im Frühjahr 2012, stand der ex-KSC Coach kurz darauf vor dem Absprung. Doch er blieb. Im Dezember zeigte seine Elf eine berauschende Leistung beim Suzuki Cup an deren Ende nur Singapur zwischen Thailand und dem Pokal stand.

Die Fans stehen hinter Schäfer, doch glaubt man den thailändischen Medien, steht der Deutsche nach der 1:3-Niederlage zum Auftakt in die Quali zur Asienmeisterschaft gegen Kuwait, im zweiten Spiel gegen den Libanon schon mit dem Rücken zur Wand.

Dies alles war Grund genug, uns erneut mit Winfried Schäfer zu einem Interview zu treffen. Das letzte datierte immerhin auch schon vom Juli 2011 kurz nach seinem Amtsantritt. In einem zweiteiligen Interview erzählt uns Winnie, wie er seine Zusammenarbeit mit dem Verband sieht, was er über den Fußball in Thailand denkt und vor allem, was sich aus seiner Sicht ändern muss, damit Thailand vielleicht irgendwann zu Nationen wie Japan oder Südkorea aufschließen kann.

thai-fussball.com: Im Rückblick auf den Anfang und in Anbetracht dessen, dass du von Thailand nicht viel wusstest, was hat dich am meisten positiv überrascht.

Winfried Schäfer: Ganz klar die große Begeisterung der Fans. Man erzählte mir ja schon während der Vertragsverhandlungen, dass es auch darum gehe, Fußball in Thailand populärer zu machen. Also ging ich davon aus, dass die Leute tatsächlich kein so großes Interesse am Fußball hätten. Dem ist aber nicht so. Die Leute fiebern mit und unterstützen uns. Das gibt uns allen sehr viel Kraft. Positiv überrascht war ich auch über den Nachwuchs, das große Talent hier in Thailand. Gerade weil ich dies sehe, bin ich auch manchmal so kritisch.

Wenn man so wunderbare Talente hat, muss man umso mehr darauf achten, beste Bedingungen zu schaffen. Thailand hat so unglaublich viel Potential, jetzt muss man nur die Weichen richtig stellen. Wenn hier nicht so wahnsinnig viele Möglichkeiten ungenützt blieben, würde ich auch nicht immer kritisieren.

thai-fussball.com: Welche Entwicklungen an den Spielern bzw. am Fußball in Thailand im Allgemeinen lassen sich erkennen, seitdem du hier bist?

Winfried Schäfer: In einigen Vereinen hat sich die Fitness der Spieler verbessert, früher hatten 4 oder 5 Spieler in einem Spiel nach 60 Minuten Wadenkrämpfe. Das geschieht heute nicht mehr so häufig. Es gibt ein Umdenken in Punkto Professionalität, die Vereine achten mehr auf Aspekte, die man vorher weitestgehend oder gänzlich ausgeblendet hat. Die Ernährung zum Beispiel, dazu gehört auch die Verabreichung von Elektrolyten und Magnesium, medizinische Betreuung, gestaffeltes Aufbautraining. Die Nationalspieler bringen ihre Erfahrungen natürlich auch ein, wie in jedem anderen Land. Beispielsweise können sie verschiedene Systeme spielen und schneller umschalten.
 "... in 2, 3 Jahren können wir mit Japan und Südkorea gleichziehen – wenn die Arbeitsbedingungen stimmen."
thai-fussball.com: Mit Narubodin Weerawatnodom, Chanathip, Kawin und anderen hast Du viele junge Spieler eingebaut. Worauf begründest Du die Leistungen von Chanathip und was hat dich so sicher gemacht, ausgerechnet so einen jungen Spieler auch in schwierigen Situationen bringen zu können.

Winfried Schäfer: Ich habe diese Spieler schon lange beobachtet und sie gezielt eingesetzt. Damit sie an Selbstvertrauen gewinnen. Außerdem habe ich ihnen auch gesagt, dass sie Fehler machen dürfen. Das ist völlig normal und gehört zur Entwicklung dazu - aber sie müssen daraus lernen. Es ist wichtig, solche Talente nicht gleich mit Verantwortung niederzudrücken, dann können sie ihr Potential nicht entfalten. Ich stehe immer hinter ihnen. Ich schütze sie und tue alles dafür sie zu entwickeln und mit jedem Besuch bei der Nationalmannschaft ein bisschen besser zu machen.

Diese Spieler sind die hoffnungsvolle Zukunft des Thai-Fußballs. Als verantwortungsvoller, guter Trainer denkt man nicht nur an heute und morgen. Auch wenn oft versucht wird, einem das von den Führungsetagen aufzuzwingen. Man denkt an die Entwicklung in 1, 2 Jahren. Ich sage heute, mit diesen Jungs, wenn sie auch im Verein gefördert werden, wird Thailand die SEA-Games gewinnen. Und in 2, 3 Jahren können wir mit Japan und Südkorea gleichziehen – wenn die Arbeitsbedingungen stimmen.

thai-fussball.com: Was sind sie größten Schwächen der Thai-Spieler. Wie kann man daran arbeiten?

Winfried Schäfer: Sobald man gegen starke internationale Gegner spielt, müssen sie sich dem schnellen Spiel anpassen. Da bleibt nicht mehr viel Zeit, den Ball anzunehmen, sich Überblick zu verschaffen und zu passen. Daraus resultieren unnötige Ballverluste. Das Problem ist nun, in der Liga werden unnötige Ballverluste selten mit einem Gegentor bestraft, aber international warten die Gegner auf diese Fehler und nutzen sie gnadenlos aus. Sie machen meist ein Tor aus dieser Situation. Mit gutem, speziellen Training kann man daran arbeiten, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad. Wir haben die Spieler natürlich nicht so oft.

Vor dem Suzuki Cup hatten wir die Spieler länger und während des Turniers konnte man sehen, dass unser Spiel wesentlich schneller war als zuvor. Da muss in den Vereinen gezielt dran gearbeitet werden – vor allem im Jugendbereich –deshalb poche ich so auf eine Jugendliga. Aber am Ende helfen nur Freundschaftsspiele gegen starke Teams. Das ist die entscheidende Herausforderung, die entscheidende Übung. Dieses Problem haben wir übrigens nicht nur in der Nationalmannschaft, sondern auch in der Champions League. Deshalb ist eine Kooperation, gerade zwischen den Top Clubs und uns, dem Nationalteam, so wichtig und sinnvoll. Die Vereine profitieren von jedem hochklassigen Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft.

Winfried Schafer

Winfried Schäfer
Bild: © Thananuwat Srirasant

thai-fussball.com: Nach dem Suzuki Cup gab es plötzlich viel Kritik bezüglich der Größe deines Stabs an Mitarbeitern. 

Winfried Schäfer: Ich habe den Eindruck, es gibt da eine verschwindend kleine Minderheit, die über dieses Thema spricht. Ich denke du weißt, dass mein Team, und wenn ich von meinem Team spreche, beziehe ich nicht nur die deutschen, sondern auch immer die thailändischen Mitglieder ein, gänzlich dem entspricht was du in anderen National Teams findest. In Malaysia ebenso wie in Japan. Andere Länder haben eher einen noch größeren ständigen Stab. Bei uns übernimmt ja beinahe jeder immer wieder auch andere Aufgaben, weil es sonst nicht funktioniert.

Vielleicht geht es eher darum, dass es viele Deutsche sind? Das wäre für mich völlig unverständlich. Ich habe das bestmögliche Team zusammengestellt. Leute, die verdammt fleißig, professionell und gewissenhaft sind. Leute, die sehr gut miteinander arbeiten können. Weshalb sollte es irgendjemanden stören, welche Nationalitäten bei uns zu finden sind? Worawi Makudi wusste genau, was er wollte, als er mich verpflichtete und er wusste sehr genau, weshalb er mich bat, meinen Stab selbst zusammenzustellen. Jede Position ist ideal besetzt und wir leisten hervorragende Arbeit.

thai-fussball.com: Ist das Training hier in Thailand ausreichend, um Verletzungen vorzubeugen und in welchem Zustand kommen die Spieler zur Nationalelf? Wie wird da mit Verletzungen umgegangen bzw. hat das Nationalteam gegenüber den Vereinen einen Vorteil, Verletzungen schneller auskurieren zu können?

Winfried Schäfer: Da sind wir wieder bei der Frage nach den deutschen Mitarbeitern. Thailand hat hervorragende Krankenhäuser. Das Bangkok Hospital, mit dem wir zusammenarbeiten, ist ja unglaublich beeindruckend und hat großartige Ärzte. Aber aus ganz naheliegenden Gründen wird es in Thailand weniger Spezialisten für sportmedizinische Fragen mit Schwerpunkt Fußball geben als in Deutschland, England, Spanien oder Italien.

Die Fußballgeschichte in Thailand ist noch jung. Es bestand gar nicht die Möglichkeit, Erfahrung zu sammeln. Deshalb gibt es in manchen Clubs tatsächlich immer wieder Probleme mit Verletzungen, die es in der Art in anderen Ländern eben nicht geben würde. Ich kann jedem Verein, der langfristig erfolgreich sein möchte nur raten, sich zu trauen den eigenen Mannschaftsarzt oder die Physiotherapeuten mal nach Deutschland oder England oder ein anderes europäisches Land mit Fußballtradition zu schicken, um dort den Experten im Fußballbereich über die Schulter zu schauen. Das soll keine Beleidigung sein.

Es ist doch normal, dass man sich in seinem Bereich verbessern möchte, also schaut man sich an, wie andere Leute mit mehr Erfahrung arbeiten. Auch hier könnte die Zusammenarbeit mit dem DFB hilfreich sein. Mein Sohn hat diesen Punkt extra aufgebracht, obwohl der eigentlich nicht zum Standard einer solchen Partnerschaft gehört. Insofern, ja. Durch unseren sehr erfahrenen Physiotherapeuten haben die Spieler bei der Nationalmannschaft eine optimale Versorgung. Aber auch durch unseren sehr, sehr erfahrenen Fitnesstrainer, der die Regeneration optimal gestaltet.

"Die Kuwaitis waren topfit, aggressiv, wach."
thai-fussball.com: Das letzte Trainingslager in Chiang Mai war nicht optimal, sagt man. Welchen Einfluss hast du auf die Auswahl der Trainingslagerorte? Zuletzt wurde ja doch meist auf dem Platz der "Chang Everton Academy" trainiert. Gibt es da nicht noch andere alternativen wie das Trainingszentrum auf der Strecke zwischen Saraburi und Nakhon Ratchasima.

Winfried Schäfer: Ich weiß sehr genau was von Nöten ist und das sage ich auch ganz klar. Wo wir dann am Ende landen, ist eine andere Frage. Chiang Mai war schlimm, weil die Plätze in einem katastrophalen Zustand waren. Der Platz der Chang Everton Academy ist nicht schlecht. Das Trainingszentrum ist eher auf die Bedürfnisse einer Jugendmannschaft ausgelegt.

thai-fussball.com: Die Vorbereitungszeiten der Nationalmannschaft auf jedes einzelne Spiel, oder zumindest die Zeit, die Du gerne hättest, erscheint im Vergleich zu Europa immer so lang. Normal (in Europa) kommen die Spieler an und dann wird was erzählt und etwas trainiert und dann kommt das Spiel.

Winfried Schäfer: Ganz einfache Antwort, weil es im Moment noch unbedingt notwendig ist.

thai-fussball.com: Auch ein Grund warum es die Niederlage gegen Kuwait gab? Und war es nicht vielleicht ein Fehler gegen die konterstarken Kuwaitis so offensiv und hoch zu stehen und damit erst die langen Bälle zu ermöglichen?

Winfried Schäfer: Es gab zwei Fehler. Das Trainingslager begann zu spät und wir hatten kein Testspiel. Wir sind den Gegner nicht aggressiv, nicht wach genug angegangen. Das ist das Resultat, wenn es an Spielpraxis gegen ein arabisches Team fehlt. Und das wiegt umso schwerer, da Kuwait sich in einem hochklassigen Turnier vorbereitet hat. Die Kuwaities waren topfit, aggressiv, wach. Unsere Spieler waren noch in der Vorbereitungszeit auf die neue Saison und dementsprechend nicht fit und wach genug. 

thai-fussball.com: Hast du eine Erklärung für fehlende Freundschaftsspiele bzw. die kurzfristigen Absagen ?

Winfried Schäfer: Nein, habe ich nicht und ich habe auch noch keine gehört.


Teil 2 des Interviews : Habe Thailand in mein Herz geschlossen

Anmerkung des Autors: Das Gespräch wurde im "Du" geführt was uns von Seiten Herrn Schäfer erlaubt wurde.
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