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Patrick Reichelt - Ein Interview in drei Akten

Abseits des Platzes - Interview Patrick Reichelt

Überlebensgroß: Patrick Reichelt
Bild: © thai-fussball.com

25 Jahre alt, Mittelfeldspieler. Berliner Jung mit Philippinischen Wurzeln. Das ist Patrick Reichelt. In der Rückrunde der vergangen Saison spielte der philippinische Nationalspieler für den FC Singtharua in der zweiten thailändischen Liga. Ein Interview in drei Akten.

Als wir am 20. Oktober letzten Jahres Patrick Reichelt überlebensgroß auf dem Plakat der bevorstehenden Zweitligapartie erblickten konnten wir natürlich nicht ahnen welchen Symbolcharakter es haben würde. Die Verantwortlichen des Klubs waren hinterher wohl auch selbst erstaunt ob ihrer Nase, ausgerechnet ihn, für das Plakat ausgewählt zu haben. Das vs auf seiner Brust konnte man in anbetracht seines Hattricks gegen TTM FC, hinterher, wohl wörtlich nehmen.

Noch zwei Wochen zuvor, in der so wichtigen Partie gegen den FC Bangkok, welche die Gastgeber auch noch mit 2:1 für sich entscheiden konnten, wurde Reichelt zur Halbzeit ausgewechselt. Kurz nach dem Ende konnten wir uns erstmals mit dem gebürtigen Berliner unterhalten, der uns mit offenen Armen empfing. Unsere Interviewanfrage musste er aber eine Absage erteilen. Er werde noch am gleichen Abend zur Nationalmannschaft reisen lies er uns wissen.

Zwei Wochen später bei besagtem Heimspiel gegen TTM FC wagten wir einen zweiten Anlauf. Und wie hätte es auch besser kommen können. Grandiose Stimmung in einem der packensten Stadien Thailands, ein Sieg der Heimmannschaft und einen Hattrick-Helden den wir gedachten für thai-fussball.com zu sprechen. So verabredeten wir uns für den nächsten Tag zu einem gemeinsamen Frühstück und unterhielten uns gut eine Stunde. Dumm nur, dass wir zu Ende des Gesprächs feststellen mussten, dass uns die Aufnahmetechnik einen Streich gespielt hat (auf diese Weise verloren wir schon bedauerlicherweise ein Interview mit Peter Withe vor drei Jahren). Da wir uns aber Patrick keinesfalls entgehen lassen wollten, kamen wir 2 Wochen später noch einmal, wenn auch etwas kürzer, zusammen. Und diesmal funktionierte alles. Das Ergebnis könnt hier in unserem Exklusiv-Interview lesen.

thai-fussball.com: Verrückte Wochen liegen hinter dir. Vor drei Wochen ein Hattrick, letzte Woche ein Tor geschossen, gestern Aufstieg gefeiert. Dir muss es ja blendend gehen.

Patrick: Nein, ich kann mich nicht beschweren. Wir haben alles erreicht und sind sogar noch Zweiter geworden. Ich bin also sehr zufrieden mit dem Ausgang der Saison.

thai-fussball.com: Du bist jetzt quasi gerade auf dem Sprung zur Nationalelf und ihr spielt nächste Woche gegen die Emirate.

Patrick: Ja genau. Am 9. November in Abu Dhabi. Aber es ist leider kein offizieller FIFA-Spieltag. Das heist wir bekommen die Spieler nicht zusammen. Ich hatte jetzt Glück, weil die Saison hier in Thailand vorbei ist. Wir müssen also aufpassen, dass wir nicht unter die Räder kommen (Spiel endete 4:0 für die Emirate; Red).

thai-fussball.com: Patrick noch kurz zu deiner Person. Du bist in Berlin geboren und hast dort auch Deine Fußball-Karriere begonnen.

Patrick: Jugendfußball habe ich gespielt bei Tennis Borussia und Reinickendorfer Füchse. Dort auch im Männerbereich. Dann in der U-23 von Energie Cottbus und Neustrelitz. Von dort habe ich den Schritt rüber gemacht nach Manila zu Global FC.

thai-fussball.com: Das höchste was Du in Deutschland gespielt hast war mit Energie Cottbus II?

Patrick: Ja. In der Regionalliga.
 "Ohne diese ganze Geschichte mit dem Kreuzband wäre ich vielleicht auch nicht in Asien gelandet."
thai-fussball.com: Was war passiert? Warum hat es nicht gereicht?

Patrick: Ich hatte damals mit viel Hoffnung unterschrieben, aber ich hatte eine absolute Seuchensaison mit vielen Verletzungen. Ich hatte in einer Saison zwei Operationen. Mit einer Sprungelenkverletzung war ich drei Monate raus. Zum Ende der Saison noch ein Kreuzbandriss und der Meniskus. Damit war ich erneut 10 Monate raus. Da war ich mehr in der Reha, als ich auf dem Trainingsplatz stand. Es war natürlich nicht das was ich erwartet habe, aber ohne diese ganze Geschichte mit dem Kreuzband wäre ich vielleicht auch nicht in Asien gelandet.

thai-fussball.com: Wie Du schon sagtest, bist du von Deutschland aus auf die Philippinen. Wie kam es dazu?

Patrick: Der Nationaltrainer der Philippinen Michael Weiss hat mich damals schon in Deutschland beobachtet. Und dann hat er mich zu einem Trainingslager eingeladen und gefragt ob ich mir nicht vorstellen kann in die Liga dort zu wechseln. Das war vor meinem Kreuzbandriss. Da hab ich ihm gesagt: Ich möchte das nicht. Nach dem Kreuzbandriss hat er sich immer wieder bei mir gemeldet, hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Hat mir gesagt hier ist alles für mich offen und ich besorg dir sofort einen Verein. Nach dem Ich dann fertig war mit der Reha habe ich gesagt, ok ich probiers. Und nach den ersten drei Monaten habe ich mich entschieden für ein weiteres Jahr zu unterschreiben.

thai-fussball.com: Stichwort Michael Weiss. Er ist zweit Jahren Nationaltrainer. Kannst du ihn kurz beschreiben? Was ist er für ein Typ, was ist er für ein Trainer?

Patrick: Er selber war als Profi Torwart bei Darmstadt, und er ist eine sehr starke Persönlichkeit. Ich selbst komme sehr gut mit ihm klar und er hat bisher eine sehr gute Arbeit als Nationaltrainer geleistet. Man kann zwar die FIFA-Weltrangliste meiner Meinung nach nicht ernst nehmen, aber wir sind jetzt die Nummer 1 in Südostasien. Und haben uns innerhalb von 2,5 Jahren 20 bis 30 Plätze verbessert.

thai-fussball.com: In der Nationalelf finden sich viele Spieler mit philippinischen Wurzeln, die außerhalb groß geworden sind und in Europa und anderswo ihr Geld verdienen. Neil Etheridge beim FC Fulham und Stephan Schröck bei der Eintracht spielen glaube ich am höchsten. Gibt es einen Superstarbonus?

Patrick Reichelt

Reichelt vor den Tarua Fans
Bild: © thai-fussball.com

Patrick: Natürlich hast Du einen kleinen Bonus, wenn Du aus 'ner deutschen Liga kommst, was Presse und alles angeht. Da hast du natürlich mehr Aufmerksamkeit, weil du von einem sehr hohen Niveau kommst. Aber solche Spieler stellen sich auf die gleiche Höhe wie die anderen. Sie tragen Bälle, alles. Stephan Schröck sagt immer er kann sich nicht vorstellen, dass es charakterlich eine bessere Nationalmannschaft gibt als bei uns auf den Philippinen. Wir haben Spieler, die kommen aus England, Dänemark und Spanien und auch wenn die Engländer immer untereinander mehr quatschen, ist es insgesamt eine super Truppe.

thai-fussball.com: Nehmen wir Stephan Schröck. Gibt es Dinge, die Du von ihm lernst, tauscht ihr euch aus und erzählt er auch schon mal von Eintracht Frankfurt und der Bundesliga?

Patrick: Besonders mit Stephan bin ich sehr sehr viel in Kontakt. Erst gestern haben wir über WhatsApp geschrieben. Haben uns ausgetauscht. Er hat mir auch zum Aufstieg gratuliert. Stefan ist jemand der auch sehr viel redet, aber sehr produktiv. Jetzt haben wir gegen Pakistan das erste Mal wirklich zusammen vorne gespielt. Da waren wir beide mehr oder weniger Flügelspieler, die über die Seite kamen. Wir hatten das dann im Training schon probiert. Und da hast du natürlich den Vorteil, dass du einen deutschsprachigen Partner auf dem Platz neben dir hast. Stephan hat mir in den 1,5 Jahren jetzt schon sehr viel weiter geholfen.

thai-fussball.com: Was mir bei unserem Treffen vor drei Wochen schon aufgefallen ist, du sprichst gerne über Taktik und scheinst Taktik affin zu sein. Kannst du das so unterschreiben?

Patrick: Ja. Ich finde es auch sehr wichtig das ein Trainer eine Philosophie hat, eine bestimmte Taktik. Diese im Training auch schon vorlegt und auf dem Platz umgesetzt sehen will. Ich habe auch schon Trainer gehabt die haben trainiert und trainert. Die hatten zwar einen schönen Trainingsplan aber das war es. Ich finde es sehr wichtig das ein Trainer eine Richtung hat. Es gibt so viele verschiedene Taktiken. Es gibt Teams die kommen über mehr über den 6er andere mehr über die Außen. Hoch pressen, tief pressen. Als Spieler muss ich schon im Training mitbekommen was der Trainer von uns will und was die Spieler dann umsetzen sollen.

thai-fussball.com: Du bist jetzt 25. Würdest Du denn sagen in 10 oder 15 Jahren, das du dich selber als Trainer siehst?

Patrick: Jetzt mit 25 würde ich eher mit Nein antworten. Ich bin ja selber nicht der unkomplizierteste Spieler und wenn ich manchmal sehe. mit was sich Trainer so rumschlagen müssen....vielleicht sieht das in 10 Jahren aber anders aus.

thai-fussball.com: Du hast Regionalliga in Deutschland gespielt, ein Jahr auf den Philippinen und in der 2. Liga hier in Thailand. Wie würdest du die im Vergleich zu Deutschland einordnen?

Patrick: Einen direkten Vergleich kann man nicht machen. Die Spanne in Thailand zwischen den einzelnen Vereinen ist sehr groß. Zum Beispiel zwischen Buriram und Pattaya. Ich hab zwar selber nicht gegen Buriram gespielt, aber von dem was ich gesehen habe, könnten sie sicher im Oberen Drittel der deutschen 3. Liga und dem unterem Drittel der 2. Bundesliga mitspielen.

thai-fussball.com: Und Thailand mit den Philippinen?

Patrick: Die Philippinen definieren sich in erster Linie über die Nationalmannschaft. Die Liga, auch wenn ich nach Thailand schaue, ist noch lange nicht so weit.

"Die Fans sind einfach unglaublich. Die haben zwar alle ein klein wenig einen an der Klatsche..."
thai-fussball.com: Die Saison ist jetzt zu Ende. Wie schauen deine Pläne für nächste Jahr aus?

Patrick: Ich persönlich möchte eigentlich ganz gerne in Thailand bleiben.

thai-fussball.com: Singhtarua, das kann man glaube ich sagen, ist irgendwie ein besonderer Verein. Wie denkst du über Verein und Fans?

Patrick: Wenn man einfach nur das letzte Spiel gesehen hat, das würde schon reichen. Die Fans sind einfach unglaublich. Die haben zwar alle ein klein wenig einen an der Klatsche, aber für uns Spieler ist das natürlich super. Ihre Choreos und die Stimmung. Was am Rande passiert wie beim Bangkok FC ist natürlich wieder etwas anderes. Aber was während des Spiels abgeht, ist echt toll. Bei Auswärtsspielen sind sie immer da und wenn du verlierst, wirst du nicht ausgebuht. Wenn man nach den Fans geht, gehört Singhtarua in die 1. Liga.

thai-fussball.com: Du hast ja auch Mitspieler wie den Brasilianer Leandro, der Torschützenkönig wurde. Er hat ja vorher in Vietnam gespielt.

Patrick: Lenadro ist ein sehr spezieller Typ. Sehr lustig; eigener Charakter. Er erzählt natürlich auch immer viel von Vietnam und Russland, wo er auch schon gespielt hat. Das ist natürlich cool so zu hören, was er schon für Erfahrungen gemacht hat.

thai-fussball.com: Gibt es etwas Spezielles das er über Vietnam erzählt hat? Über die Liga, das Niveau?

Patrick: Er sagt Thailand ist besser. In Vietnam sei alles sehr sehr diszipliniert. Man lebt da fast komplett nur in Camps. Buriram macht so was Änliches hab ich gehört. Aber in Vietnam ist es wohl Gang und Gebe, dass wenn du dort unterschreibst, in ein Camp gehst und dann immer 24 Stunden unter Beobachtung stehst und man kaum Ausgang hat. Alles sehr steif sagt er. Er kann sich jedenfalls nicht mehr vorstellen, dort zu spielen.

thai-fussball.com: Javier Patinho von Buriram hat ebenfalls philippinische Wurzeln. Seit ihr euch schon bei der Nationalelf über den Weg gelaufen?

Patrick: Im März sind wir uns zum aller ersten Mal begegnet. Schon vor einem Jahr hat man versucht, ihn für die Nationalmannschaft zu gewinnen. Aber es gab Schwierigkeiten mit seinem Pass. Den hat er dann im Februar (2013; Red) endlich bekommen und im März beim Challange Cup mitgespielt. Aber auch nur zwei Spiele. Denn dann begann in Thailand die Liga. Und jetzt war er ja 3-4 Wochen verletzt. Also bisher war er nur ein Mal dabei. Aber in Zunkunft, wenn er vom Verein freigestellt wird, werden wir uns sicher öfter sehen.

thai-fussball.com: Mit dem Suzuki Cup 2012 hast du Dein erstes großes Turnier gespielt und in eurer Gruppe ging es gegen Thailand.

Patrick: Wir haben 2:1 verloren. Das hört sich zwar auf dem Papier ganz gut an. Thailand hätte aber auch gut und gerne 3 oder 4 Tore gegen uns schießen können. Hätten wir 4:1 verloren, hätten wir uns auch nicht beschweren können. Für mich war Thailand mit Abstand die spielerisch stärkste Mannschaft im ganzen Turnier. Gegen Singapur sind wir im Halbfinale ganz knapp ausgeschieden. Auf deren Kunstrasen haben wir auf Augenhöhe knapp 1:0 verloren und bei uns zu Hause dann 0:0 gespielt. Als dann Feststand, dass Thailand im Finale gegen Singapur spielen würde, war ich mir ziemlich sicher das Thailand das Ding locker nach Hause fahren würde.

thai-fussball.com: ....wir wissen, war dem leider nicht so. Vielen Dank Patrick und wir sehen uns dann 2014 beim nächsten Suzuki Cup.

Update: Mit Veröffentlichung des Gespräches ist Michael Weiss nicht mehr Nationaltrainer der Philippinen. Nachfolger wird vermutlich Tom Dooley. Ja genau Der. Patrick Reichelt befindet sich weiterhin auf Vereinssuche. Zwar bekundeten Ang Thong und TTM Interesse, doch wurde am Ende nichts daraus.
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