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Nach der Frauen-WM: Was bleibt

Frauen Nationalmannschaft
Die WM der Frauen in Kanada 2015 ist Geschichte. Während die USA und Japan das Finale bestritten war die thailändische Elf nach den Gruppenspielen längst wieder daheim. Doch was wird von dieser WM bleiben und was ist das Vermächtnis?

Australien und Schweden hatten sich gerade 1:1 getrennt, da saßen die thailändischen Spielerinnen wie ein Häufchen Elend da. Aus der Traum vom Achtelfinale. Manche Mienen waren versteinert. Andere brachen in Tränen aus. Sie konnten nicht glauben, dass ihr Abenteuer Frauen-WM, nach drei Spielen im schönen Kanada, würde vorbei sein.

Während sowohl Schweden als auch Australien ein Unentschieden zum Achtelfinale reichte, musste Thailand ausgerechnet auf die Schützenhilfe der Matildas hoffen, dem AFC und vor allem AFF (ASEAN Football Federation) Verbandskollegen und potentiellen Mitkonkurrenten bei Qualifikationen zu Olympia und Weltmeisterschaften.

Wäre Australien nicht in der AFC, hätte Thailand bei fünf asiatischen Startplätzen zu einer WM, theoretisch gesehen, immer eine reelle Chance auf ein Teilnahme an der Endrunde. Und die vergossenen Tränen müssten vielleicht nur 4 Jahren trocknen.

Doch noch ist Australien in der AFC (auch wenn es Gedankenspiele vor allem von den Arabischen Nationen gibt dies ändern zu wollen) und ist sicher nicht schuld an Thailands Ausscheiden nach der Vorrunde.

Bei der ersten Teilnahme einer thailändischen Nationalmannschaft an einer Frauenfußball-WM haben es die Thailänderinnen immerhin geschafft in die Geschichtsbücher des eigenen Verbandes einzugehen. Man holte drei Punkte, schoss drei Tore und mit jeweils 0:4 gegen Norwegen und Deutschland zog man sich gegen die Weltspitze achtbar aus der Affäre ohne sich dabei zu blamieren.

Insgesamt schnitt man sogar besser ab als manch anderer Teilnehmer (am Ende wurde man 17!) und erntete durchaus einiges Lob. Auch wenn die Spielweise nicht immer attraktiv war, es an vielen Ecken fehlte, so konnte die Mannschaft zumindest in Ansätzen zeigen dass sie spielerisch etwas drauf hat.

Doch was kommt als nächstes? Was wird von dieser WM übrig bleiben und wie wird, oder könnte das Erbe dieser ersten WM-Teilnahme aussehen? Zunächst dürfte von der WM, außer einem Stolz bei den Thais über das Abschneiden, nicht viel übrig bleiben. Von der WM 2011 erhoffte sich der Gastgeber einen massiven Schub für den Frauenfußball in Deutschland. In Anbetracht der damaligen Zuschauerzahlen in den Stadien und denen vor dem TV sicher nicht unbegründet. So gesehen war die Weltmeisterschaft ein voller Erfolg.

Aber in der Praxis war davon wenig zu sehen. Zwar verzeichneten DFB und Vereine nach der WM etliche Neuanmeldungen, doch auch das ist inzwischen abgeklungen. Die Zuschauerzahlen in den Stadien gingen minimal nach oben und der Zuschauerschnitt lag in der Frauen-Bundesliga-Saison 2014/15 bei rund 1.000 pro Spiel. Der Großteil davon besteht aus Mädchen und Frauen.

Es gibt rund 1 Million registrierte Spielerinnen beim DFB. Bei 6 Millionen Mitgliedern und 81 Millionen Einwohnern. Zum Vergleich: in Thailand gibt es knapp 1.000 registrierte Spielerinnen bei 70 Millionen Einwohnern.

Es ist zugegebenermaßen ohnehin ein offensichtlicher Äpfel-gegen-Birnen-Vergleich wenn man auf die Voraussetzungen beider Länder schaut die Unterschiedlicher kaum sein könnten. So dass man auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der beiden Verbände nicht im Detail eingehen braucht.

Aber die zuvor genannten Zahlen helfen uns folgendes zu verdeutlichen: Heruntergebrochen auf Thailand dürfte nach der WM-Teilnahme kaum - bis gar nichts hängen bleiben.

Wenn im September in Bangkok die 2. Runde der Olympia-Qualifikation stattfinden wird, darf man vermutlich froh sein, wenn sich ein paar hundert Zuschauer im weiten Rund des Rajamangala-Stadion verlaufen werden. Und vielleicht werden es durch die WM, ein paar wenige mehr sein. Ein Übertragung der Spiele im Free-TV und nicht nur auf der Online Plattform von Channel 7, würde vermutlich ebenso an ein Wunder grenzen.

Klar, vielleicht gibt es auch das ein oder andere Mädchen, dass durch die WM in Kanada auf die Idee gekommen ist den Nationalspielerinnen nachzueifern. Davon träumt selbst einmal bei der WM dabei sein zu können und mit dem Elefanten auf der Brust aufzulaufen.

Doch bis dahin wäre es für Sie noch ein langer Weg. So könnte Sie dann zwar auf irgendwelchen Bolzplätzen in den Provinzen mit Jungs kicken. Eine Mannschaft wo sie ihr Talent unter der Leitung eines ausgebildeten Trainers entwickeln kann, sofern sie nicht Bangkok wohnt, dürfte sie aber schwerlich finden.

Und das ist das große Problem. Will man wirklich von der WM profitieren, Nachhaltigkeit schaffen, und möglicherweise Dauergast bei der Frauen-WM sein, muss der Frauenfußball in Thailand auf eine breitere Basis gestellt werden. Und um das zu erreichen muss viel passieren.

Nach dem Gruppenspiel gegen Deutschland sprach Trainerin Nuengruethai Sathongwien, unter anderem, genau diese Problematik an. Es war eine recht seltene, öffentliche Kritik am Verband die sie nach der 0:4 Niederlage gegen Deutschland in die Notizbücher der anwesenden Journalisten diktierte.

„Es fehlt uns definitiv an Basisarbeit. Wir brauchen ein System für den Jugendfußball damit wir später mehr Optionen und eine größere Auswahl an Spielerinnen haben“ - So die Cheftrainerin und führte weiter aus: „Wenn wir eine gute und starke Nationalmannschaft haben wollen, müssen wir gegen Gegner aus Europa oder Amerika [Nord und Süd; red] spielen um Erfahrungen zu sammeln.“

Auch sprach sie das Thema der fehlenden Liga an und dass man die Spielerinnen ständig in einem Camp zusammenziehen müsse.

Doch greifen wir die Punkte einmal auf. Dass die Liga seit 2013 bisher keine Fortsetzung fand hatte wohl mehrere Gründe. Zum einen lies man die Liga offensichtlich ruhen um sich in Wochenlangen Trainingslagern auf diverse Turniere vorzubereiten. Wer den thailändischen Fußball verfolgt und kennt, weiß, dass dies eine bevorzugte Methodik ist. Weil man einfach glaubt, so besser vorbereitet zu sein. Als jüngstes Beispiel sei hier eine 20-tägige Vorbereitung auf die Partie der Herren im September gegen den Irak genannt (Malaysia verlor trotz 4 Wochen Vorbereitung 0:6 gegen Palästina!)

Ein weiterer Grund: Es gäbe keine Interesse an der Frauenliga. Dies lies uns die Managerin Madam Pang (Nualphan Lamsam) in einem Gespräch im März wissen. Nun, einem Verband sollte es aber egal sein ob es ein Interesse, sei es seitens der Medien, Zuschauer oder Sponsoren, gibt. Denn hier geht es um Essentielle Dinge. Darum SpielerInnen, TrainerInnen und SchiedsrichterInnen, eine Plattform zu bieten, auf der sie Wettkampfpraxis sammeln und sich weiterentwickeln können. Ist einer oder eine dabei besonders gut und erfolgreich, sind Thais dann immer besonders Stolz.

Ein gutes Beispiel dafür sind die Nationalmannschaften der Herren. Dort sind es aktuell vor allem die jungen Spieler die gefeiert werden und im Fokus stehen. Profitieren tun davon wiederum die Vereine. Und so kann man seit neuestem beobachten, dass viele Vereine jungen Spielern eine Chance in der Thai Premier League geben. In der Hoffnung, dass einer davon der nächste Messi J oder Charyl Chappuis werden könnten. Wir können das nicht beweisen. Aber schaut man genau hin, so hat dies durchaus den begründeten Anschein. Es ist also seit neuestem offensichtlich ein Ansporn für die Vereine vorhanden jungen Spielern eine Chance zu geben, und sei es nur aus egoistischen Gründen.

Jetzt müsste man das ganze nur noch auf die Frauen übertragen. Um den Mangel an Mannschaften wettzumachen müsste das Rad dabei nicht neu erfunden werden Die meisten Mannschaften der "Thai Women's League" im Jahr 2013 bestanden aus Teams welche Sportschulen, Universitäten und Colleges angehörten. Und auch diese habe Ihr Ego und ihren Stolz.

Aber um nun zum Beispiel fußballerische Infrastrukturen im Frauenfußball zu gewährleisten, könnten diese, ähnlich wie im Jugendbereich der Herren, Kooperationen mit Thai Premier League Vereinen eingehen. Der FC Chonburi ist einer der wenigen Vereine der eine Frauenmannschaft unterhielt und unterhält. So wären Frauenmannschaften in Chiang Rai, Chiang Mai, Buriram, Sisaket, Nakhon Ratchasima oder auch Phuket durchaus denkbar.

Ein weiteres Problem, dass es zu lösen gilt ist der Mangel an Fachkräften. Sprich gut ausgebildeter TrainerInnen. Davon gibt es in Thailand wirklich nur sehr wenige. Zumindest Thailändische. In diesem Bereich kann sich in ca. 10-15 Jahren eines der Vermächtnisse der WM 2015 zeigen.

Dann nämlich wenn es der Verband schafft, oder eben auch nicht, seine jetzige Spielergeneration als Trainerinnen im Jugendbereich, und nicht nur da, unterzubringen. Wenn eine Kanjana Sungngoen, eine Naphat Seesraum als Trainerin ihren Spielerinnen einen Vorbild, ein Idol, sein können. Wenn diese, dann als ex-Spielerinnen von der WM 2015 erzählen können.

Schaut man sich die Jugendmannschaften der Frauen an so muss einem um die Zukunft nicht bange werden. Sie qualifizieren sich regelmäßig für Endrunden der U-Mannschaften in Asien oder gewinnen die Regionalen Meisterschaften. Doch will man demnächst wieder bei einer WM dabei sein, muss es mehr sein. Dann mag es zwar reichen auch im Nachwuchs die Nummer Eins in Südostasien zu sein. Nicht aber um an Nationen wie Japan, China, Australien oder auch Korea vorbeizukommen. Alles Nationen mit einer guten und gefestigten Struktur. Mit einem Konzept.

Insbesondere Japan sollte Thailand hier als Vorbild gelten. Die Nadeshiko tritt den Beweis an, dass körperliche Größe, und physische Stärke kein muss ist um Weltmeister zu werden. Gegen die körperliche Überlegenen Niederländerinnen gewann Japan, spielerisch. Thailand und Japan ähneln sich physisch sehr und der Wolfsburger Erfolgstrainer Ralf Kellermann spricht in einem Interview mit der Zeit davon, dass Spielerinnen wie jene von Japan, eben genauso spielen müssten: „weil ihnen aufgrund ihrer Physis das Tempo und Durchsetzungsvermögen fehlt.“

Natürlich spielt das Geld eine große Rolle und wie man dies alles finanziert. Im Prinzip könnte man meinen der Thailändische Verband sei ein armer Schlucker weil er ja nur für wenig Voraussetzungen und Infrastrukturen sorgt. Das mag in Teilen stimmen und wir würden das ja gerne glauben, allein uns fehlt der Wille dazu. Transparenz was die Finanzen betrifft, und für welche Zwecke etwaige Mittel ausgegeben werden fehlen beim thailändischen Verband komplett.

Madam Pang, und ihre Muang Thai Insurance die auch als offizieller Sponsor der Frauen auftritt, werden sicher einen Teil der Kosten für die Damen tragen. Von der AFC, der Asian Football Confederation, erhielt jeder WM-Teilnehmer zum Beispiel die stolze Summe von 200.000 Dollar für die Vorbereitung auf die WM. Wenn wir richtig liegen wurden die Kosten für die 4 Wochen Trainingslager in Holland auf gut 20.000 Euro taxiert. Die beiden Testspiele in der Vorbereitung auf die WM gegen Papua-Neuguinea, und das ist uns verbrieft, haben den Verband fast nichts gekostet. Er musste nur für die Unterkunft und den Transport zu den Stadien aufkommen. Wo ist also das Geld geblieben?

Von der FIFA gab es für die Teilnahme an der Gruppenphase der WM ein Preisgeld von 375.000 Dollar. Bei Einzug in das Achtelfinale wären es gar 500.000 Dollar gewesen. Eine Menge Geld. In thailändischem Baht. Dieses Geld, plus Boni für das erzielen dreier Tore gegen die Elfenbeinküste, und dem damit verbunden Sieg, von insgesamt 6 Millionen Baht (150.000 €) soll in vollem Umfang an die Mannschaft ausgeschüttet werden. Mit Verlaub, wir reden hier von einer knappen halben Million Euro!

Natürlich sollen die Spielerinnen nicht nur ein Kaffeservis erhalten, wie einst die Deutschen Frauen. Sämtliche Mittel als Bonus an die Spielerinnen auszuschütten kann aber auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Auf der einen Seite brüstet sich die Thai FA immer damit wie viel Geld ausgeschüttet wird, investiert aber gleichzeitig, zumindest nicht sichtbar und spürbar, Geld in Strukturen. Egal ob Herren oder Frauen.

Trotz der angesprochenen Unwägbarkeiten ließe sich aus den Tränen nach der Partie Australien – Schweden aber Kraft schöpfen. Jetzt wo man einmal WM-Luft geschnuppert hat, möchte man natürlich gerne ein weiteres mal dabei sein. In 4 Jahren zur WM in Frankreich, bzw. zur Qualifikation zu jener WM dürfte die aktuelle Mannschaft der Frauen in Großteilen noch genauso zusammen sein wie bei der WM 2015. Das Durchschnittsalter der Aufstellungen bei den drei Gruppenspielen der WM betrug 26 Jahre.

Und so wie wir Madam Pang einschätzen wird sie sicher Vollgas geben und alles versuchen um ihre Mannschaft nach Frankreich zu bringen. Die Bremser aber dürften wo anders sitzen.

Ein wirkliches Vermächtnis, wäre nur eine konsequente Weiterentwicklung, andernfalls bliebe es nur ein Vermächtnis, ein Erbe auf dem man nicht aufbaut. Sondern auf das man nur sehnsüchtig zurückblickt.
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