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Irfan Bachdim Exklusiv Teil 1: Von Ajax nach Sriracha

Abseits des Platzes - Interview Irfan Bachdim

Irfan Bachdim
Bild: © thai-fussball.com

Chonburi FC und Sriracha FC. Das waren die Stationen von Irfan Bachdim im Jahr 2013. Im Oktober trafen wir uns mit dem indonesischen Nationalspieler zu einem ausführlichen Interview.

Irfan Bachdim wurde vor 25 Jahren in der niederländischen Hauptstadt Amsterdam als Sohn eines Indonesiers und einer Holländerin geboren. Aufgewachsen im beschaulichen Mijdrecht, ist er inzwischen indonesischer Nationalspieler und gilt in Südostasien, vor allem aber in Indonesien als Star. Zu Letzterem trägt auch die Ehe mit dem Model Jennifer Kurniawan bei. Dabei ist er völlig bodenständig und natürlich geblieben. Der Star zum Anfassen wechselte 2013 in die Thai Premier League, wo er in der ersten Saisonhälfte für den FC Chonburi auflief. Zur Saisonmitte wurde er von dort fortgeschickt, wechselte fast notgedrungen zum kleinen Bruder Sriracha FC eine Liga tiefer. Sein Tor kurz vor der Halbzeit am letzten Spieltag, sicherte Sriracha den Klassenerhalt.

Den Medien in Indonesien gibt Irfan laut eigener Aussage keine Interviews. Umso mehr freute es, dass wir uns exklusiv mit ihm unterhalten durften. In unserem Zweiteiler sprechen wir über seine noch junge Karriere, sein Jahr in Thailand, seine Trainer und natürlich seine Frau, die er in Deutschland heiraten musste und die ihn mit Kartoffelsalat verwöhnt.

thai-fussball.com: Du hast Deine Karriere bei Ajax Amsterdam begonnen und warst später in der Jugend vom FC Utrecht. Das Ausbildungssystem in Holland ist ja weltweit bekannt, aber wo liegen die Unterschiede zwischen Ajax und Utrecht?

Irfan: Das Ziel ist das gleiche. Spieler auf die erste Mannschaft vorzubereiten und auszubilden. Aber Ajax ist natürlich viel weiter als Utrecht. Es ist professioneller und viel geschäftsorientierter. Utrecht ist wie eine Familie, mit viel Spaß und der Freude am Sport.

Im Alter von 10 begann ich bei Ajax. Es war mir nicht erlaubt, "Trainer so und so" zu sagen. Die Ansprache war immer "Herr". Alles war sehr strikt. Wenn wir zum Beispiel ein Spiel hatten und dein Trikot hing aus der Hose und du hast es nicht wieder zurückgesteckt, hat dich der Trainer ausgewechselt. Ajax ist also nicht nur ein Fußballverein, es geht auch darum, Kinder zu erziehen. Und das hat man auch gesehen, wenn du zu einem Turnier gekommen bist.

Deine Augen fielen sofort auf sie. Hey, Ajax ist gerade angekommen. Ajax war Ajax. Sie waren geschniegelt und jeder hat es sehen können.
Utrecht war Spaß und jeder rannte herum, wie er wollte. Einer hier, der andere da. Nicht so bei Ajax. Das ganze Team lief immer geschlossen herum. Keiner war separiert. Sie waren einfach der Blickfang und jeder wusste, wenn Ajax kam. Das ist der große Unterschied.

thai-fussball.com: Für junge Spieler ist es aber sicher nicht leicht, wenn ihnen der Spaß am Spiel genommen wird.

Irfan: Ja, natürlich. Klar versucht man auch bei Ajax, Spaß auf dem Platz zu haben. Aber wie gesagt, abseits des Platzes war alles sehr strikt. Ich habe Jungs aus der Akademie fliegen sehen, die wesentlich besser waren als ich. Ich habe das Buch von Zlatan (Ibrahimovic) gelesen, wo er auch über seine Zeit bei Barca erzählt. Es ist ähnlich wie meine Erinnerungen an Ajax. Du musst es wirklich wollen. Zlatan ist ein Ghetto-Kid und er würde niemals in so ein System passen. Ich habe so viele gute Spieler gesehen, die im Nichts geendet sind, weil sie einfach nicht die Einstellung hatten. Und wenn Du bei Ajax spielen willst, musst du sie haben.

"Ich bin also nach Indonesien ohne die Intention zu bleiben. Vielmehr wollte ich zurück nach Holland."
thai-fussball.com: Ein paar Jahre später schien deine Karriere in Holland ins Stocken zu geraten und du bist nach Indonesien gewechselt. Wie kam es dazu?

Irfan: Mit 18 wurde ich in die U-23 von Indonesien berufen. Der Trainer war damals ein Holländer (Foppe de Haan; red.) und Indonesien war für die Asienspiele qualifiziert. Zwei oder drei Wochen bevor wir nach Katar reisen mussten hatte ich mich bei meinem Klub Utrecht verletzt und somit konnte ich nicht teilnehmen.

Später spielte ich für die erste Mannschaft von Utrecht mit Willem van Hanegem als Trainer. Er wurde entlassen und der Neue setzte mehr auf erfahrene Spieler während van Hanegem auf junge Talente setzte. Also hat Utrecht meinen Vertrag auch nicht verlängert und ich entschloss mich einen Schritt zurück zu machen und für den HFC Harlem in der Jupiler League zu spielen. Ich absolvierte jede Partie, aber der Verein hatte finanzielle Probleme und ging am Ende Bankrott (2010; red.).

Kurz darauf erhielt ich eine Einladung zu einem Charity-Spiel in Indonesien. Ich habe sie aber nicht ernst genommen, da ich sie über Facebook erhielt. Man hat aber auch meine Eltern über Facebook kontaktiert und sie haben geantwortet. Mein Vater hat dann mit mir gesprochen und gesagt: "Sieh es als Urlaub an. Du kannst ein paar Spiele machen und wer weiß, was passiert." Ich bin also nach Indonesien ohne die Intention zu bleiben. Vielmehr wollte ich zurück nach Holland.

Jedenfalls habe ich dann das erste Charity-Spiel gemacht mit verschiedenen Spielern aus der 1. Liga Indonesiens. Der Trainer hat mich als Stürmer aufgestellt. Bis dahin hatte ich alles gespielt, nur nicht Stürmer. Aber ich machte zwei Tore. Das Spiel war in Malang. Ein Trainer vom lokalen Verein....er ist zwar in Indonesien geboren aber er...

thai-fussball.com: ..Timo....

Irfan: ...Ja. Timo. Mit deutschen Eltern. Er hat das Spiel gesehen und kam danach direkt zum Hotel und hat mich eingeladen für Persema Malang zu spielen. Ich willigte ein und habe für ein Jahr unterschrieben. Alles lief toll und ich hatte Spaß am Fußball. Coach Timo Scheunemann erzählte immer den Medien und auf Pressekonferenzen: "Irfan ist bereit für die Nationalmannschaft" und dass er nicht verstehen könne, warum ich noch nicht in die Nationalmannschaft berufen wurde. Zu der Zeit war Alfred Riedl Nationaltrainer und es war das Jahr des Suzuki Cup in Indonesien. Während der ganzen Saison wurde ich nicht in die Auswahl berufen. Erst zur letzten, kurz vor dem Suzuki Cup.

Ich habe dann zwei gute Vorbereitungsspiele gemacht und war im Team. Bambang Pamungkas und Christian Gonzales sind bekannte Stürmer in Indonesien und waren natürlich gesetzt. Ich dachte mir ok, schön für mich im Team zu sein. Tolle Erfahrung, auch wenn ich vermutlich auf der Bank sitzen werde. Aber dann im ersten Spiel gegen Malaysia, vergleichbar mit Holland gegen Deutschland, war ich in der Startelf und habe das letzte Tor geschossen. Wir gewannen 5:1. Es war der Moment, als alles begann und ich in Indonesien bekannt wurde.

Irfan Bachdim

Irfan Bachdim mit Sriracha FC
Bild: © thai-fussball.com

thai-fussball.com: Die Zustände im indonesischen Fußball sind bekannt. War dies auch einer der Gründe wegzugehen und ein neues Abenteuer zu suchen. Wie kamst du nach Thailand?

Irfan: Für sieben Monate war ich ohne Gehalt. Ich hatte gerade geheiratet und habe ein Baby. Und sieben Monate ohne Gehalt war einfach zu lang. Ich hatte auch mein Vertrauen in das Management verloren. Ich wusste, Thailand ist auf dem Weg nach oben. Also warum sollte ich es nicht versuchen. Als Erstes war ich bei BEC Tero zum Probetraining, erhielt aber keinen Vertrag. Aber ich war auch zu einer für mich persönlich schweren Zeit da. Meine Großmutter war gerade verstorben. Ich hätte länger beim Probetraining bleiben sollen, musste aber natürlich zurück nach Holland. Nach meiner Rückkehr nach Thailand habe ich bei Chonburi ein Probetraining absolviert. Alles war gut und ich hatte ein sehr gutes Gefühl.

thai-fussball.com: Wie wir alle wissen, währte dies nur ein paar Monate. Während deiner Zeit bei Chonburi warst du mal im Kader, dann wieder draußen. Es war vermutlich nicht nur wegen Verletzungen.

Irfan: Ich hatte eine Verletzung. Das erste Spiel für Chonburi habe ich gegen BEC Tero gemacht und dann spielten wir gegen Army. Danach bin ich zur Nationalmannschaft und kam mit einer Oberschenkelverletzung zurück. Ich habe die große Partie gegen Muang Thong zu Hause verpasst und vier weitere Spiele. Anschließend kam ich von der Bank, dann war ich wieder in der Startelf, dann war ich wieder überhaupt nicht in der Mannschaft.

Ich hatte das Gefühl, dass der Trainer kein Vertrauen mehr in mich hatte. Ich erhielt keine faire Chance mehr und meine Leistungen gingen nach unten und auch mein Spaß am Fußball. Ich verlor das Vertrauen des Trainers in mich und in mich selbst. Wenn die Verwirrung in deinem Kopf einmal eingesetzt hat, kannst du keine Leistung mehr bringen. Und genau das ist passiert. Aber um ehrlich zu sein, man kann nicht immer alles auf den Trainer schieben.

"Vom ersten Moment an als ich nach Sriracha zum Training kam war alles wunderbar."
thai-fussball.com: Dein Wechsel auf Leihe zum FC Sriracha war, nennen wir es mal ein erzwungener Wechsel. Kannst du uns den Wechsel aus deiner Sicht schildern so weit es dir möglich ist?

Irfan: Für mich war es sehr komisch, denn ich sah Spieler wie Quero und Assumpção kommen. Und ich begann mich zu fragen, was wohl passieren wird. Cunha war ja zu diesem Zeitpunkt auch noch verletzt. Ich reiste mit Chonburi sogar noch nach Malaysia zum Freundschaftsspiel. Nur zwei Tage vor Ende des Transferfensters teilte mir Chonburi mit, ich könne den Verein verlassen. Ich hatte nicht wirklich eine Option. Alle Vereine in der TPL die ich fragte, waren schon voll. Chonburi sagte mir dann: "Wir haben dich schon bei Sriracha registriert." Ich dachte mir, wie könnt ihr jemanden wo anders registrieren, der noch nicht mal weiß, wo er hingeht? Ich war starrköpfig und sagte mir: "Ich werde das nicht machen".

thai-fussball.com: Und du wußtest noch nicht mal etwas über den Verein.

Irfan: Nein. Ich wusste nur, dass es der Bruder-Verein von Chonburi ist. Natürlich hat man seinen Stolz und ich war auch stur und wollte mir Sriracha eigentlich noch nicht mal ansehen. Und wenn ich mich recht erinnere, war Sriracha damals auf dem 16. Platz. Aber Chonburi fragte mich dann, ob ich es mir nicht doch vielleicht mal anschauen könnte, was ich dann auch tat.

Natürlich hatte ich eh keine andere Option, aber nachdem ich dann die Jungs getroffen hatte, sagte ich ok, wir werden es versuchen und sehen, was passiert. Vom ersten Moment an, als ich nach Sriracha zum Training kam, war alles wunderbar. Das Management war meiner Meinung nach sogar netter zu mir als in Chonburi. In Chonburi fühlte ich mich nicht mehr willkommen. Und hier war ich es. Und ich denke, das ist sehr wichtig für einen Spieler.

thai-fussball.com: Wenn du sagst, du hast dich nicht mehr Willkommen gefühlt in Chonburi... du repräsentierst Nike in Indonesien und Chonburi ist der einzige Repräsentant in Thailand. Hat Chonburi dich vielleicht nur aus Marketinggründen verpflichtet?

Irfan: Darauf schaue ich nicht. Denn ich habe immer noch das Gefühl, das ich die Qualität habe, in Chonburi in der Startelf zu stehen. Aber natürlich kann ich nicht die Gedanken des Managements lesen. Wie ich schon eingangs sagte, am Anfang war ich sehr Willkommen, nach einer Weile und nachdem ich auch nicht mehr regelmäßig spielte, war das nicht mehr der Fall und sie haben mich wie das Letzte behandelt.

Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen wir über den FC Sriracha, Irfan vergleicht seine Trainer für uns und erklärt uns, warum Spieler heutzutage die Kopfhörer mit dem großen B tragen.
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